„Der DCP unterstreicht mit kreativen und mutigen Spielen das große Potenzial der deutschen Games-Branche!“ – Prof. Mareike Ottrand, DCP-Juryvorsitzende im Interview

Prof. Mareike Ottrand ist dem Deutschen Computerspielpreis seit vielen Jahren eng verbunden. 2014 gewann sie mit ihrem damaligen Entwicklerteam von Studio Fizbin mit dem Point-and-Click-Adventure „The Inner World“ den Hauptpreis als „Bestes Deutsches Spiel“. Parallel zur Spieleentwicklung ging Mareike bereits 2015 in die Lehre und trat eine Professur für Game Art an der HAW Hamburg an. Dort begleitet sie bis heute die kreativen Köpfe von Morgen und hat Einblicke in zahlreiche Spieleprototypen die uns als fertige Spiele vielleicht schon bald viel Vergnügen bereiten werden. Mareike ist bereits seit 2015 immer wieder in der DCP-Jury aktiv und wurde in diesem Jahr erstmals in den DCP-Juryvorsitz berufen. Wir sprachen mit ihr über die deutsche Games-Branche, den Stand der Lehre und natürlich über den Deutschen Computerspielpreis 2023.

 Prof. Mareike Ottrand, Vorsitzende der DCP-Jury 2023
Prof. Mareike Ottrand, Vorsitzende der DCP-Jury 2023

Am 16. und 17. März tagte diesjährige Hauptjury des Deutschen Computerspielpreises 2023 im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Wie hast du die diesjährige Jurysitzung erlebt?

Prof. Mareike Ottrand: Es war spannend, aufreibend, interessant. Es flimmert in der Luft, wenn so viele kluge, talentierte Köpfe aus unterschiedlichen Disziplinen zusammensitzen mit einer Gemeinsamkeit: der Leidenschaft für Games. Es sind zwei sehr intensive, aber auch erfüllende Tage. Alle nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Es liegt enorm viel Verantwortung in den Händen der Juror*innen und alle sind sich bewusst, welche Strahlkraft diese Auszeichnung hat und wieviel an Preisgeldern beim DCP vergeben werden. Auch wenn während so einer Sitzung alles klappen muss wie am Schnürchen, wird viel Rücksicht aufeinander genommen. Ich erinnere mich noch, wie ich 2019 mit Stillbaby und Ehemann bei der DCP-Jurysitzung im Bundeskanzlerinnenamt anrückte und man uns alles möglich machte, dass ich Jurytätigkeit und „Babybubble“ unter einen Hut bringen konnte. Man fühlt sich beim DCP immer sehr gut aufgehoben und ich möchte gerne die Professionalität und Feinfühligkeit des Awardbüros bei der Stiftung Digitale Spielekultur und des game-Verbandes hervorheben. Es war mir eine Ehre!

Was ist deine Aufgabe als Juryvorsitzende?

Prof. Mareike Ottrand: In erster Linie bin ich stimmberechtigte Jurorin und diskutiere mit aller Leidenschaft mit. Es ist immer wieder beeindruckend, wie differenziert die eingereichten Spiele beim DCP ausgelotet werden. In einem zweistufigen Verfahren, also zuerst in den Fachjurys, werden in eigens dafür bestimmten Expert*innen-Gruppen die Titel der jeweiligen Kategorie begutachtet. In der Hauptjury evaluiert ein 35-köpfiges Gremium die Ergebnisse und Vorschläge aus den Fachjurys und trifft nach intensiven Diskussionen die finalen Entscheidungen. Ich leite die Sitzung, erteile das Wort, habe An- und Abwesenheiten im Auge, frage Befangenheiten ab, rufe zur Abstimmung auf und versuche den Zeitplan einzuhalten, gemeinsam mit dem Awardbüro im Rücken und meinem versierten Kollegen Prof. Dr. Henner Hentsch vom game-Verband an meiner Seite, der die geheime Abstimmung moderiert. Und wenn ich mal nicht weiterweiß, flüstert mir jemand von denen ins Ohr, was zu tun ist 🙂

 Tagung der DCP-Hauptjury 2023
Tagung der DCP-Hauptjury 2023: PStS Michael Kellner, Cigdem Uzunoglu, Prof. Mareike Ottrand (Copyright: BMWK / Andreas Mertens)

Die Nominierten stehen nun fest. Was zeichnet die in diesem Jahr eingereichten und nominierten Spiele aus?

Prof. Mareike Ottrand: Ein guter Jahrgang, aber das sagt man fast immer, glaube ich! Auffällig in diesem Jahr sind die besonders starken Spiele aus der Indie-Szene, wie man schon an den Nominierungen sieht. Das finde ich, selbst aus der Indie-Szene kommend und so nah am Nachwuchs arbeitend, besonders toll. Die Start-ups und Indie-Studios sind die Taktgeber von Morgen. Hier herrschen Innovation, Mut und Avantgardismus.

Viele Mitglieder der Jury sind selbst in der Spieleentwicklung tätig. Wie geht die Jury vor, wenn einzelne Mitglieder oder du selbst an eingereichten Spielen direkt oder indirekt mitgewirkt haben?

Prof. Mareike Ottrand: Alle Jury-Mitglieder unterzeichnen einen Jury-Kodex. Darin ist wird klar geregelt, wie mit Befangenheiten umgegangen wird und das Awardbüro schaut hier sehr genau hin. Vor jeder Entscheidungsrunde werden Befangenheiten erfasst. Dieses Jahr war ich selbst in vielen Kategorien befangen, da Projekte meiner Studierenden eingereicht und nominiert wurden. So musste ich mich relativ oft mit der rein moderativen Rolle als Juryvorsitzende zufriedengeben. Ist man bei einem Spiel befangen, ist diese Person von der Diskussion und der Abstimmung ausgeschlossen und macht erst wieder mit, wenn der Titel nicht mehr im Rennen ist.

 

 Die DCP-Hauptjury 2023 (Copyright: BMWK / Andreas Mertens)
Die DCP-Hauptjury 2023 (Copyright: BMWK / Andreas Mertens)

Als Professorin für interaktive Illustration und Games an der HAW Hamburg hast du einen tiefen Einblick in die Lehre: Wo steht die Ausbildung junger Talente in Deutschland im internationalen Vergleich? Und wo siehst du Verbesserungspotenziale?

Prof. Mareike Ottrand: Da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Als ich 2011 in der Games-Branche gründete, gab es wenig Förderung, wenig Diversität, wenig Frauen. Man warnte mich vor dem „Haifischbecken Games-Industrie“, welches man zugleich aber auch als Teil der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft nicht ganz ernst nahm. Heute werden Games beachtet und wertgeschätzt als Industrie mit viel Potenzial. Die Community ist bunt, vernetzt und selbstbewusst. Die Branche ist nicht nur auf dem internationalen Markt zunehmend wettbewerbsfähig, sondern kooperiert auch mit diesem. Die Qualität der Arbeiten nimmt stetig zu, die Technik überschlägt sich und öffnet täglich neue Türen. All diese Möglichkeiten bringen auch neue Herausforderungen mit sich. Wie gehen wir mit unseren existenziellen Krisen heute um? Wie schaffen wir es, wieder ein gesundes Verhältnis zur Arbeit zu entwickeln? Ich sehe hier viele Baustellen, die sich schon im Studium auftun. Es gibt also weiterhin viel zu tun.

Was macht den Deutschen Computerspielpreis zu etwas Besonderem? Und welchen Stellenwert hat eine Auszeichnung beim Deutschen Computerspielpreis für junge Entwicklerteams?

Prof. Mareike Ottrand: Ich würde sagen es ist der heilige Gral 😉 National gesehen ist es die höchste Auszeichnung und die Möglichkeiten, die sich durch das Preisgeld ergeben, sind ein toller Booster für kleine und große Studios. Der DCP unterstreicht mit kreativen und mutigen Spielen das große Potenzial der deutschen Games-Branche.

Worauf freust du dich bei der Preisverleihung am 11. Mai 2023 ganz besonders?

Prof. Mareike Ottrand: Auf die überraschten, glücklichen Gesichter der Gewinner*innen! Aber auch auf den Glitzer, die Show und die vielen Menschen – das habe ich während der Corona-Zeit sehr vermisst.

Liebe Mareike, vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns auf Dich beim DCP am 11. Mai 2023 in Berlin!