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Hinter den Kulissen des Deutschen Computerspielpreises

Montag, 13. April 2015

2015 möchte sich der Deutsche Computerspielpreis (DCP) neu erfinden. Wie das funktioniert, hat Richard Löwenstein für das Mediennetzwerk Bayern herausgefunden – als Teil der Fachjury berichtet er, was hinter den Kulissen passiert.

 

Das Schreiben erreichte mich Mitte Februar. Absender: Awardbüro Deutscher Computerspielpreis in Berlin. Inhalt: Die Träger des DCP – das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur BMVI und die Branchenverbände BIU und GAME – wollen den Preis von Grund auf erneuern. Vermutlich eine gute Idee. Der DCP mag die wichtigste Games-Auszeichnung sein, die wir in Deutschland zu vergeben haben. Aber er hat sich in den sechs Jahren seiner Existenz nicht nur Freunde gemacht. Ich kann mich gut an Diskussionen auf Facebook erinnern: Die Entscheidungen seien kaum nachvollziehbar, die prämierten Spiele zu kopflastig und sowieso zu unbekannt.

Modernisierte Auszeichnung

Die Botschaft scheint bei den Veranstaltern angekommen zu sein. Der DCP solle mit neuen Kategorien und neuem Publikumspreis die Vielfalt digitaler Spiele besser abbilden als bisher. Auch die Fach- und Hauptjurys, wesentlicher Teil der DCP-Organisationsarbeit, würden verändert. Deshalb die Frage des Awardbüros: Ob ich an der Jury-Arbeit zum Deutschen Computerspielpreis 2015 mitwirken möchte?

27. Februar 2015, Berlin: Fachjuroren treffen in zehn Kategorien eine Vorauswahl. Sie sieben aus 320 Einreichungen 26 Nominierungen aus: potentielle DCP-Preisträger. Foto: Deutscher Computerspielpreis

27. Februar 2015, Berlin: Fachjuroren treffen in zehn Kategorien eine Vorauswahl.
 

Auch nach 30 Jahren Journalismus und Gamedevelopment fühlt sich so eine Einladung schmeichelhaft an. Ich war der Fachjury „Beste internationale neue Spielewelt“ zugeteilt und fühlte mich damit ausgesprochen wohl: Internationale Blockbuster und neue Ideen, genau mein Ding! Bei 39 Games aber eine sehr umfangreiche Kategorie. Ich soll als Juror Spiele einschätzen und Siegkandidaten vorschlagen? Dann muss ich die Spiele kennen. Nicht alle, aber so viele wie möglich. Bis zum ersten Jurytreffen blieben noch zwei Wochen Zeit. Also spielte ich. Viele Abende lang. Das war manchmal unterhaltsam und manchmal lästig – so ist das eben, wenn man nicht aus Lust, sondern aus professionellem Interesse spielt. Ein kräftezehrender Balanceakt. Denn Familie, Alltag und mein Freiberufler-Dasein hören nicht auf zu existieren, bloß weil der DCP ruft. Die Mitwirkung an der DCP-Jury ist Ehre, aber auch Belastung. Das Engagement ist unbezahlt. Ein Ehrenamt, das viele Nachmittage und Abende beschlagnahmt. Da hilft eine gesunde Portion Idealismus.

 

Aus 320 Einreichungen auswählen

Am 27. Februar dann das ersten Treffen der Jury. Ich reiste vom südbayerischen Landsberg nach Berlin, Adresse: Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Invalidenstraße 44, gleich beim Hauptbahnhof. Im riesigen Erich-Klausner-Saal verloren sich Gastgeber, Organisatoren und knapp 50 Juroren. Eine kurze Ansprache der Gastgeber, dann ging´s an die Arbeit. Ich fühlte mich gut vorbereitet.

Zwischendurch greifen die Fachjuroren fleißig zum Controller, denn beim DCP geht es (auch) um gute Unterhaltung.  Foto: Deutscher Computerspielpreis

Zwischendurch greifen die Fachjuroren fleißig zum Controller, denn beim DCP geht es auch um gute Unterhaltung.

 

Elf Tische waren mit Schildchen markiert: „Bestes Gamedesign“, „Bestes Nachwuchs-Konzept“ und so weiter. Offenbar Treffpunkte für die Fachjuroren der einzelnen Kategorien. Ich entdeckte den Tisch mit der Bezeichnung „Beste Internationale neue Spielewelt“ etwas abseits. Kurzes Händeschütteln mit meinen drei Mitjuroren und unserer Sichterin Katharina: Tätowiert und gepierct, mutige Haarfarbe auf dem Kopf – niemand, den man in einem Bundesministerium erwarten würde. Eine Gamerwoman eben. Engagiert von der Stiftung Digitale Spielekultur hatte sie sich um die Technik gekümmert, Lücken im Hardware-Fuhrpark mit privatem Equipment gestopft, um die Jury-Arbeit zu unterstützen. Katharina erzählte, dass sie in den letzten beiden Wochen jedes eingereichte Spiel unserer Kategorie gespielte habe, plus einige andere. Wie viel Zeit muss sie investiert haben.

Spreu vom Weizen trennen

Vor uns lag ein großes und buntes Programm. Getreu den Regeln des DCP hatte die Spieleindustrie in den letzten Wochen alle Titel eingereicht, die sie für geeignet hielt. Insgesamt 320 Einreichungen. 39 Spiele in unserer Kategorie. Wir mussten aussieben, eine Vorauswahl treffen. Von 39 Einreichungen durften am Ende nur drei übrig bleiben. Diese sogenannten Nominierungen sollten wir als Fachjury zwei Wochen später vor der versammelten Hauptjury vertreten. So sind die Regeln. Die Hauptjury würde dann den endgültigen Sieger bestimmen.

Erster Punkt auf der Tagesordnung: Struktur schaffen, unsere Arbeitsmethodik festlegen. Auf welche Weise sieben wir aus, wie interpretieren wir den Kategoriebegriff „neue Spielewelt“? Wir entschieden uns gegen starre Regeln und für eine eher gefühlsbetonte Definition mit individuellem Spielraum für jeden Juror. Die endgültige Entscheidung im Anschluss an die Diskussion durch Handzeichen.

 

Potentielle Preisträger

Und so beginnt das große Ringen. Punkt für Punkt arbeiten wir uns durch die Liste der Einreichungen. Wir diskutieren jeden Titel, schauen Videos, spielen Probe, stimmen ab: Beispielsweise über die Fortsetzung einer bekannten Rennspielereihe – am Ende sind uns die Ähnlichkeiten zu den Vorgängern zu groß. Andere Games punkten mit einer neuen Spielwelt, aber bieten kein rundes Spielerlebnis. Wir begutachten eine episodenartig strukturierte Produktion, die noch nicht vollständig erschienen ist. Tolles Game. Aber von einer Folge auf das komplette Endprodukt schließen? Schwierig. Bei anderen Einreichungen gehen die Meinungen einfach zu stark auseinander. Jedes Jurymitglied bringt eine eigene Sicht auf die eingereichten Titel mit.

Stunden später steht das Ergebnis: Wir würden Nintendos Plattformpuzzelei „Captain Toad: Treasure Tracker“, das Ubisoft Actiongame „Watch Dogs“ und 11 Bit Studios Antikriegsdrama „This War of Mine“ nominieren. Drei völlig verschiedene Produktionen. Die eine familientauglich, die zweite modern, die dritte zum Nachdenken anregend. Wir wollen vor der Hauptjury die komplette Bandbreite des Gaming darlegen. Wollen zeigen, dass Videospiele Spaß machen und zur Reflexion einladen können. Welches Game die Hauptjury letztendlich zum Sieger wählt – nun, wir würden sehen.

Sitzung der Hauptjury

Am 13. März 2015 kommt die Hauptjury zusammen: Die Fachjuroren präsentieren vor großer Runde ihre nominierten Games. Dann stimmt die Hauptjury ab und kürt die Sieger.  Foto: Richard Löwenstein

Am 13. März 2015 Die Fachjuroren präsentieren vor großer Runde ihre nominierten Games. Dann stimmt die Hauptjury ab und kürt die Sieger.
Foto: Richard Löwenstein

13. März 2015. Eine weitere Fahrt nach Berlin zur Sitzung der Hauptjury. Im BMVI treffe ich auf einen ziemlich bunten Haufen aus Journalisten, Industriellen, Forschern, je zwei Vertreter aus den Fachjurys von vor zwei Wochen: Das ergibt unterm Strich 30 Juroren. Sie alle versammeln sich im Konferenzsaal des BMVI. Direkt neben mir eine Prise Prominenz: Nova Meierhenrichs moderiert heute mal nicht, sondern stimmt ab. Ein paar Stühle weiter der Let´s Player Peter „PietSmiet“ Smits. Ich wechsle ein paar Worte mit meinen Sitznachbarn, dann beginnt die Show. Dorothee Bär, Parlamentarische Staatssekretärin des BMVI, steigt mit uns in den Tag ein. Sie gibt sich praxisnah. Skizziert in knappen Worten den Ablauf der Wahl zum DCP. Erklärt, dass pro Kategorie nur eine halbe Stunde Zeit bleibe, und wir bitte produktiv arbeiten sollten.

Zehn Fachjurys präsentieren ihre drei Nominierungen. Jedes Team zeigt kurze Gameplayszenen und erläutert in wenigen Worten das Gesehene. Danach Fragen aus der Runde, Fragen, Antworten, Diskussion und schließlich Abstimmung per Handzeichen. Alle Juroren dürfen sich beteiligen oder auf Wunsch enthalten: wegen Befangenheit zum Beispiel. Bei Zwei-Drittel-Mehrheit für eines der drei nominierten Games ist nach dem ersten Wahldurchgang die Entscheidung gefallen. Andernfalls fliegt das „schwächste“ Game raus und der Sieger aus zwei verbleibenden Titeln ergibt sich aus dem zweiten Durchgang.

Debatten und Diskussionen

Die Entscheidung liegt nicht bei der Jury alleine. Beim Publikumsvoting darf bis zum 19. April jeder online eine Stimme abgeben.  Foto: Richard Löwenstein

Die Entscheidung liegt nicht bei der Jury alleine. Beim Publikumsvoting darf bis zum 19. April jeder online eine Stimme abgeben.
Foto: Richard Löwenstein

Manche Entscheidungen fallen schnell, andere nach langen Debatten. Die Kategorie „Beste Innovation“ zum Beispiel erhitzt die Gemüter. Die Fachjury muss begründen, warum sie nur ein Spiel nominiert hat, noch dazu das „Spiel des Friedens“: eine Festinstallation im Münsteraner Landesmuseum für Kunst und Kultur, die mangels Mobilität der Hauptjury nicht präsentiert werden kann. Ein Dutzend Hände heben sich. Juroren machen per Handsignal auf sich aufmerksam. Sie wollen Fragen stellen und werfen Gedanken in die Runde. Es dauert rund eine Stunde, bis wir uns einer Entscheidung nähern.

Die rege Diskussion macht mir wieder bewusst, welche Bedeutung der DCP hat. Dass es eben nicht nur darum geht, schöne oder unterhaltsame Games mit einem Preis auszuzeichnen. Es geht auch um Gelder. Hier werden Fördermittel verteilt. Die Sieger fast aller nationalen Kategorien erhalten einen Pokal für die Vitrine, außerdem Medienecho und zwischen 30.000 bis 75.000 Euro auf ihr Konto, je nach Dotierung der Kategorie.

Wer das Preisgeld erhält, wird am 21. April auf einer Gala mit über 600 Gästen bekanntgegeben. Vielleicht sind ja auch einige der Favoriten aus Bayern unter den Gewinnern.