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Begründung Jury-Entscheid Innovation

Freitag, 27. Februar 2015

Die Fachjury der Kategorie Beste Innovation hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, nur einen der eingereichten Titel zu nominieren. Hier das begründende Statement der Fachjury.

 

"Die Bewertungsgrundlage für den Preis „Beste Innovation“ orientiert sich an den Vorgaben der Vereinbarung zur Vergabe des deutschen Computerspielpreises, Anlage 1 sowie Anlage 2 Punkt 9.

 

9. BESTE INNOVATION

Mit der Kategorie Beste Innovation wird die beste in der Computer- und Videospielindustrie eingesetzte Hardware- oder Software-Technologie Made in Germany prämiert. Dies kann ein besonderes Verfahren (Games as a Service), eine spezielle Games-Technologie (Middleware) oder ein besonderes Steuerungssystem sein. Auszeichnungswürdig sind wegweisende Neuerungen aus Deutschland, die die Innovationskraft der Computer- und Videospielindustrie belegen. Preisträger können beispielsweise auch Forschungseinrichtungen oder Industrieunternehmen sein.

http://deutscher-computerspielpreis.de/sites/default/files/statisch/DCP_Endfassung_Vereinbarung_130115.pdf

 

Die in Anlage 2 Punkt 9 genannten Kriterien wurden von uns als Fachjury in Absprache mit dem Ausrichter um die Elemente „Gameplay-Innovation“ und „Prozess-Innovation“ erweitert; wir legten also bereits eine breitere Bemessungsgrundlage für die Auswahl der Nominierungen an.

Wir haben uns jede einzelne Einreichung intensiv angesehen und unter mehreren Gesichtspunkten bewertet. Dabei stehen drei Überlegungen im Mittelpunkt:

Mehrwert. Originalität ist nicht gleich Innovation. Inhaltliche oder systemische Neuerungen müssen die Spielerfahrung oder den Produktionsprozess maßgeblich und sinnvoll bereichern, ohne sie zu beeinträchtigen.

Es ist beispielweise zweifellos originell, wenn ein Spiel allein durch Kopfbewegungen kontrollierbar ist. Diese neuartige Steuerungsmethode besitzt aber keinen Mehrwert gegenüber herkömmlichen Interfaces. Im Gegenteil – sie erweist sich in der Praxis als unpräzise, ermüdend und dem Spielspaß abträglich. Sie stellt deshalb keinen Fortschritt dar.

Nachhaltigkeit. Neuerungen, die aller Voraussicht nach auf eine enge Nische oder einen singulären Titel begrenzt bleiben – deren Vorbildwirkung also zweifelhaft ist –, haben nur geringen innovativen Wert als Neuerungen, die eine nachhaltige Wirkung vermuten lassen.

Für die Beurteilung der eingereichten Projekte ist auch die Einschätzung des Übertragungseffekts maßgeblich, also die formale und ökonomische Überzeugungskraft der Innovation. Auszeichnungswürdig sind insbesondere Leuchtturm-Projekte oder -Technologien, die wegweisend für Nachahmer sein können.

Beispielsweise wurde ein mimisches Ratespiel  eingereicht. Diesem liegt eine kreative, in dieser Form noch nicht gesehene Spielmechanik zugrunde. Das Potential dieser Mechanik ist allerdings sehr begrenzt und wird durch die Einreichung bereits vollständig ausgeschöpft; es ist nicht zu erwarten, dass sie wegweisend für zukünftige Umsetzungen werden wird. Daher schätzen wir die Relevanz dieser Neuerung als minimal ein.

Tauglichkeit. Wir halten Produkte nicht für auszeichnungswürdig, die zwar auf das Potenzial einer Technologie verweisen, dieses Potenzial aber nicht demonstrieren können. Sie bleiben hypothetische Leistungen.

Es ist beispielsweise durchaus denkbar, dass aus der Kombination von Smartwatches, Körperdaten und Gamification ein Markt für innovative Fitness-Spiele entstehen kann. Allerdings leisten eingereichte Produkte dazu keinen überzeugenden Beitrag, wenn sie keinen Nutzen aus der Smartwatch ziehen, der existierenden Handy-Anwendungen überlegen wäre; wenn ihre Verbindung zwischen Körperdaten und Spiel rudimentär bleibt; und wenn ihr nachhaltiger Motivationseffekt fraglich ist.

Wir sind überzeugt davon, dem Ansehen sowohl der deutschen Branche als auch des Deutschen Computerspielpreises keinen Gefallen zu tun, wenn wir Projekte auszeichnen, deren Neuerungen keinen ausreichenden Mehrwert bieten, nicht nachhaltig sind oder den Tauglichkeitsbeweis nicht erbringen.

Gleichzeitig haben wir für das Jahr 2016 angeregt, die Einreichungskriterien für den Innovationspreis um spielmechanische Innovationen (Gameplay) und  innovative Verfahren (z.B. Produktionsprozesse, Geschäftsmodelle) zu erweitern und die Industrie und Forschungseinrichtungen zu ermutigen, auch Middleware, Prototypen und Best-Practice-Studien einzureichen. Desweiteren wünschen wir uns, dass die Einreicher die Innovationen ihres Projekts beschreiben, da viele Innovationen, vor allem im technischen Bereich, nicht immer beim Spielen sichtbar sind.

Wir sind uns sicher, dass der Spiele-Standort Deutschland vielfältigere und bedeutsamere Innovationen hervorbringt, als die Einreichungen des Jahres 2015 nahelegen. Als Fachjury möchten wir unseren Teil dazu beitragen, wirkliche Innovationen sichtbar zu machen und zu fördern.

 

Dr. Stefan Göbel

Andreas Lange

Prof. Dr. Christof Rezk-Salama

Christian Schmidt"